ZO: Kleine Messe gross interpretiert
Aufführung von Rossinis «kleiner, feierlicher Messe»
Die «Petite Messe solennelle» ist ein einzigartiges Werk. Das vom Musikkollegium Zürcher Oberland am Stephanstag veranstaltete Konzert mit dem Zürcher Bach-Chor überzeugte vollkommen.
Gioacchino Rossini konnte es selbst bei seinem letzten grossen Sakralwerk nicht lassen, ihm eine Spur Ironie mitzugeben. Er stellte dem eineinhalbstündigen Werk, mit einem Seitenhieb auf die monumental orchestrierten Chorwerke seiner Zeitgenossen, das Adjektiv «klein» voran. Die «Petite Messe solennelle» steht in der kirchenmusikalischen Landschaft - in ihrem ursprünglichen Instrumentarium mit zwei Klavieren und Harmonium - tatsächlich einzigartig da. Rossini hatte das Werk zwar sechs Jahre nach seiner Uraufführung, auf Drängen seiner Freunde, selbst orchestriert. Er hatte das aber nur getan, weil er Angst hatte, dass Musikerkollegen es später tun würden und ihm seine Singstimmen mit ihren modernen Orchesterapparaten «totschlügen». Vorgezogen hatte der Komponist seine Urfassung.
Top-Solisten
Dieser Fassung fühlte sich auch der langjährige Dirigent des Zürcher Bach-Chors, Peter Eidenbenz, verpflichtet. Unter seiner souveränen Stabführung, seinen gut disponierten Sängerinnen und Sängern und dem Staraufgebot an Solisten gelang eine Aufführung dieses ergreifenden Kirchenwerks, die keine Wünsche offen liess. Der in mittelgrosser Besetzung vertretene Chor beherrschte die «a cappella»-Teile genauso souverän wie die begleiteten Einsätze. Beeindruckend war die Homogenität in den einzelnen Stimmregistern wie im Tutti. Die wunderbar abgestuften dynamischen Schattierungen, die der Chor bis ins Pianissimo intonationsrein halten konnte, zeugen von einer sorgfältigen Stimmbildung. Bravourös gerieten die finessenreichen Doppelfugen wie im «Cum Sancto Spiritu» oder alternierend mit den Solisten in «Et resurrexit».
Der Opernkomponist Rossini bedachte das Solistenquartett mit eindrücklichen Soli, für das es Spitzenleute braucht, wie sie Peter Eidenbenz zur Verfügung standen. Mit dramatischem Duktus führte Rolf Romei seinen Heldentenor durch das «Domine Deus». Gesegnet mit einer Baritonstimme wie dunkler Samt, unterstrich Dae-Hee Shin nobel die feierliche Stimmung des «Quoniam tu solus sanctus». Tief berührend sang Svetlana Doneva mit ihrer agilen, schönen Sopranstimme das «Crucifixus», und mit ergreifender Eindringlichkeit betonte sie Bitte und Anbetung in dem in Messen selten verwendeten «O salutaris». Einen weiteren Glanzpunkt setzte sie mit Liliana Nikiteanu im schwesterlichen Duett «Qui tollis».
Krönender Abschluss
Eine grossartige Leistung zeigte auch Werner Bärtschi am ersten Klavier. Nicht nur überzeugte er mit seiner einfühlsamen Begleitung der Solisten und des Chors, er interpretierte sein solistisches «Preludio religioso» fein strukturiert, mit ausdrucksvoller Tongestaltung. Dank Thomas Bächlis souveränem Spiel konnte auch das Harmonium einen wirkungsvollen Platz einnehmen. Dem zweiten Klavier hatte Rossini eine stiefmütterliche Rolle eingeräumt. Hätte er gewusst, dass an einem zukünftigen Konzert ein ausgewiesener Spezialist seiner Klaviermusik wie Paolo Giacometti diese übernehmen würde, hätte er ihm wohl ein paar Soli in die Hände geschrieben. Der krönende Abschluss war der Mezzosopranistin Liliana Nikiteanu und dem Chor vorbehalten. Mit ihrer klang- und facettenreichen Stimme drang das «Agnus Dei» mit erschütternder Emphase in den Kirchenraum, nur abgelöst vom innigen Flehen der Chorstimmen nach Frieden. Das überwältigende gemeinsame Crescendo hinterliess ein ergriffenes Publikum.
Irène Maier