ZO - Neue Klangwelten mit alter Musik

Zürcher Oberländer

Montag, 8. März 2010

 

Gossau

Neue Klangwelten mit alter Musik

Spannende Interpretationen mit viel Witz und stupendes technisches Können: Der italienische Geigenvirtuose Giuliano Carmignola begeisterte mit dem Venice Baroque Consort.

von David Huber

 

Da war zuerst ein Klang – rein, ganz ohne Vibrato. Dann liess ihn Violinist Giuliano Carmignola mit ganz leichtem Vibrato weiterschwingen und gestaltete ihn ausnehmend eindrücklich. Sein Ton erhielt so einen ganz eigenen Charakter. Ebenso sein Spiel: Durch die fast sprechende, stets deutlich artikulierte Spielweise bekam jede Phrasierung zusätzlich Spannung – das oft benutzte Spiccato brachte zudem viel Witz hinein. Bisweilen hatte man das Gefühl, der Bogen fliege förmlich über die Saiten und berühre diese gar nicht.

 

Selten gespielter Bach-Zeitgenosse

Mit dem Venice Baroque Consort, einem der in Europa führenden Ensembles auf historischen Instrumenten, brachte Carmignola am Freitagabend in der reformierten Kirche Gossau Violinkonzerte von Leclair und Vivaldi zur Aufführung. Die seltener gespielten Konzerte von Leclair, Nr. 1 und 3, op. 7, erwiesen sich als eine eigentliche Entdeckung: Obwohl offensichtlich von Bach und Vivaldi beeinflusst, entwickelte der französische Komponist dennoch eine ganz eigene Klangsprache. Eindrücklich waren hier vor allem die langen Doppelgriffpassagen im zweiten Satz Aria grazioso des ersten Konzerts. Diese wurden vom Solisten glockenrein vorgetragen, wobei ihn nur die erste Geige begleitete. Auch das dritte Konzert bot eine eigene Klangwelt – so zum Beispiel im kantablen zweiten Satz, wo die Solovioline vom Cello, der Laute und dem Cembalo begleitet wird.

 

Laute spielte Schlüsselrolle

Überhaupt erwies sich der Lautenspieler Ivano Zanenghi als Schlüsselfigur im Ensemble. Er sass zentral und begleitete immer wieder die eine oder andere Stimme im Orchester. Er spielte den betreffenden Musikern förmlich den Klang zu und strahlte übers ganze Gesicht, wenn er wieder eine besonders ausdrucksvolle Stelle mitgestalten konnte. Der Lautenklang erwies sich auch wirklich als effektvolle Ergänzung zum herkömmlichen Continuo.

Dass die sieben Musikerinnen und Musiker des Venice Baroque Consort ein hervorragend aufeinander eingespieltes Ensemble sind, bewiesen sie im ersten Konzertteil, als sie noch ohne den Solisten spielten. Da hörte man unglaubliche Spannungsbögen und exzellenten Klangausgleich in Vivaldis Konzert in g-moll für Streicher und Basso Continuo. Ebenso eindrücklich Albinonis tänzerisches Konzert in G-Dur und die charakteristische für alle Instrumente sehr virtuose Sonate «La Follia» von Vivaldi. Die Musiker füllten die akustisch hervorragende Gossauer Saalkirche mit den historischen Instrumenten klanglich vollständig aus.

 

Impulse des Solisten genügen

Im letzten Teil interpretierte Carmignola die beiden Violinkonzerte von Vivaldi RV 177 C-Dur und RV 303 G-Dur. Was hier geboten wurde, war nicht einfach historische Aufführungspraxis, sondern ein stürmischer, drängender, enorm dynamischer Vivaldi. Die Kompositionen erzielen so eine ganz neue Wirkung. Beeindruckend auch, wie der Solist häufige Tempowechsel einbaute, und wie das Orchester sich sofort anzupassen verstand. Da bekam der Zuhörer von Zeit zu Zeit das Gefühl, Carmignola müsse nur einen Impuls mit dem Bogen geben, und es werde förmlich eine «Maschine» in Gang gesetzt.

An diesem bemerkenswerten Abend wurde deutlich, wie viel Neues mit durchdachter Interpretation aus nur scheinbar längst bekannter Musik herauszuholen ist. (dhu)