Wetzikon – Saisoneröffnung des Musikkollegiums Zürcher Oberland in der Aula der Kantonsschule

Kasarova brilliert in «Männerrolle»

Am Samstag beeindruckte die berühmte Solistin Vesselina Kasarova das Wetziker Publikum. Ihr Auftritt war nicht das einzige Glanzlicht bei der Saisoneröffnung des Musikkollegiums.

Rita Wolfensberger

Man weiss kaum, was man da mehr bewundern soll: Die geradezu monumentale Genialität des kosmopolitischen Komponisten G.F. Händel, der, als Deutscher geboren, über Italien-Aufenthalte mitgeprägt, schliesslich in England grosse Karriere aufgebaut hat. Ober das gastierende «Kammerorchester Basel», das mit barocken Instrumenten das Klangbild von Händels Zeit schöpferisch nachbildet, wobei Konzertmeisterin Julia Schröder mitspielend die Führung zwar innehat, aber sich mit nur den notwendigen Hinweisen vollauf auf seine Kollegen verlassen kann. Oder aber auf des Abends illustre Solistin Vesselina Kasaroa, von ihren Auftritten in Zürich den meisten Opernfreunden bestens bekannt, die mit ihrer prachtvollen Stimme wiederum zu begeistern verstand.

Fortwährende Unterhaltung

Zu bewundern war beim Saisoneröffnungskonzert am vergangenen Samstag in der Aula der Kantonsschule Wetzikon ausserdem die Programmgestaltung: Sie präsentierte sich in zwei analogen Hälften, wobei zwischen Orchester- und Gesangsnummern abgewechselt wurde. So war für fortwährende Abwechslung gesorgt, und nicht nur das: Beide Teile begannen mit einem Concerto grosso-einem Orchestertyp, den sich Händel zweifellos beim italienischen Komponisten Arcangelo Corelli abgeguckt und nach Norden mitgebracht hat. Im Anschluss gab es zur Auflockerung je eine mehrteilige Ballettmusik: «Balli di pastori e pastorelle» - ein heiteres, ländlich beschwingtes Stück – und die ernstere Ballettsuite aus der Oper «Ariodonte».

Die Interpretation all dieser vier Orchesterwerke erfolgte auf sehr hohem spieltechnischem wie künstlerischem Niveau: Zusammenspiel wie Intonationsgenauigkeit waren tadellos, die Ausdrucks- und dynamische Gestaltung lebhaft, die häufigen Soli sowohl einiger Streicher als auch der wenigen Bläser mustergültig und wunderschön. Einzige Frage: wurden die diversen Menuette zu Händels Zeiten wirklich schon so schnell wie jetzt im 21. Jahrhundert gespielt? Oder als höfisch galanter Tanz vielleicht doch ein klein wenig moderater und eleganter? Wer kann das genau wissen?

Und dann natürlich Vesselina Kasarova, die im Wechsel mit den Orchesternummern ebenfalls vier grosse Soloarien sang. Es waren ausnahmslos solche von Männerrollen. Damit wurde in Erinnerung gerufen, dass noch zu Händels Zeit Kastraten sehr hohe Opernpartien zu singen pflegten und dass diese oft sogar auf solche Sänger zugeschnitten waren. Heutzutage werden diese Stücke normalerweise von Frauen gesungen, da sie sich in deren Stimmbereich befinden und inzwischen «Hosenrollen» genannt worden sind.

 Erschütternder Schmerz

Und so hat Kasarova denn ihren prachtvollen Mezzosopran eben solchen Arien gewidmet, der in der Höhe ganz ausserordentlich kraftvoll und stets gerundet klingt, in tieferen Lagen im Verhältnis dazu etwas stärker nachgibt, aber jederzeit von intensiver Emotionalität erfüllt ist. In Arien aus «Alcina» und «Il pastor fido» fand sie berührende Akzente von Liebesgefühlen, in zweien aus «Ariodonte» dann solche erschütternden Schmerzes des unglücklichen Opernhelden, überhöht von ihrer bravourösen Koloraturkunst, die ihr Publikum hinriss.

Zürcher Oberländer, Anzeiger von Uster Montag, 6. September 2010